DIE EMOTIONALSTE ART DER FOTOGRAFIE: GEBURTSFOTOGRAFIE MIT ISABELL STEINERT

Dienstag, 20. September 2022

Isabell Steinert ist eine von gerade einmal 20 gelisteten Geburtsfotograf:innen hierzulande. Wie sie zu ihrem Job gekommen ist, warum sie ihn liebt und wo die fotografischen und menschlichen Herausforderungen liegen, verrät sie im Interview.

Isabell, du zählt zu den Pionierinnen der Geburtsfotografie. Warum hast du dich für dieses Genre entschieden?

Das hat sich eher zufällig ergeben. 2014 bin ich auf die Philippinen gezogen, um dort als Marketingexpertin eine Non-Profit-Organisation mit Kinderhaus und Geburtshaus in Sachen PR und Fundraising zu unterstützen. Meine Aufgabe bestand unter anderem darin, Texte zu schreiben und Fotos für die Website oder für Crowdfunding-Aktionen zu machen. Als mich dann unsere Sozialarbeiterin gefragt hat, ob ich die Geburt ihres Kindes dokumentieren würde, habe ich zugesagt. Es war ein ergreifendes Erlebnis, und es hat mich fasziniert, dieses Ereignis in Bilder zu fassen – so sehr, dass ich mich damals dafür entschied, die Geburtsfotografie weiter zu verfolgen. 2017 bin ich dann nach Deutschland zurück und habe mich auch hier auf Geburtsfotografie spezialisiert.

Du hast dir das Fotografieren also selbst beigebracht?

Ja, wobei mir rückblickend aufgefallen ist, dass mich die Fotografie schon lange begleitet. So habe ich schon zu Jugendzeiten für die Regionalzeitung nicht nur geschrieben, sondern auch fotografiert und später ein Praktikum bei einem Fotografen gemacht. Trotzdem: Die Lernkurve in Sachen Geburtsfotografie war extrem steil – zumal dieses Genre zu Beginn meiner Karriere selbst auf internationaler Ebene noch recht jung war. Ich habe mich dann unter anderem mit Sport- und Konzertfotografie beschäftigt, denn in diesen Feldern gibt es ja zum Teil ähnliche Herausforderungen.

Isabell Steinert sorgt als Fotografin für Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett für einmalige Erinnerungen.

Wo liegen denn – in technischer Hinsicht – die Hauptherausforderungen bei der Geburtsfotografie?

Beim Thema Licht. Die meisten Geburten finden ja nachts bzw. in abgedunkelten Räumen statt, die Lichtverhältnisse sind also schwierig, vor allem, wenn man die Stimmung vor Ort erhalten möchte. Kombiniert mit sich oft schnell verändernden Situationen und Bewegungen, ist die fotografische Arbeit hier durchaus herausfordernd.

Arbeitest du denn ausschließlich mit vorhandenem Licht?

Das kommt auf die Phase der Geburt und die Bedingungen im Raum an. In den frühen Phasen der Geburt, wo die Gebärende sich noch einfinden muss, arbeite ich ausschließlich mit vorhandenem Licht – auch wenn das dann nur ein paar Kerzen im Raum sind. Wenn die Geburt schon fortgeschritten ist und ich den Eindruck habe, dass die Gebärende ganz in ihrer Welt angekommen ist, schalte ich, wenn notwendig, einen Aufsteckblitz hinzu. Alles natürlich immer in Absprache mit den Familien.

Stört das Blitzen denn nicht beim Geburtsvorgang?

Nein, denn ich blitze indirekt, „bounce“, also über die Zimmerdecke oder Wand und das bei niedrigster Einstellung, damit die Raumstimmung erhalten bleibt. Bisher hat noch keine meiner Kund:innen den Blitz bei der Geburt bemerkt. Das ist mir auch sehr wichtig, an erster Stelle geht es schließlich darum, die Geburt nicht zu stören.

Warum hast du dich beim Thema Equipment für Nikon entschieden?

Tatsächlich habe ich schon früher mit einer Nikon DSLR mit DX-Sensor fotografiert, den Look und die Farben mochte ich immer schon. Als ich dann mit der Geburtsfotografie angefangen habe, habe ich dann recherchiert und nach einer Vollformatkamera gesucht, die auch bei weniger guten Lichtverhältnissen tolle Bilder liefert. So bin ich auf die D750 gestoßen, also erneut auf Nikon – wie im übrigen sehr viele Geburtsfotografinnen.

Woher diese Vorliebe?

Das liegt meiner Beobachtung nach vor allem an den sehr guten High-ISO-Eigenschaften der Nikon Kameras. Meinem Empfinden nach ist nicht nur das Rauschen vergleichsweise gering – ich nutze die D750 wie auch meine Z 6II bis zu ISO 6400, manchmal auch darüber – sondern auch der Look der Bilder. Der wirkt im Vergleich zu anderen DSLRs und DSLMs gerade im Lowlight-Bereich schön natürlich. Man könnte auch sagen: weniger „digital“ – das Rauschen bleibt harmonisch.

Wann setzt du die D750 ein, wann die Z 6II?

Ich nutze beide Kameras parallel. Die D750 ist mit dem AF-S NIKKOR 35 mm 1:1,4G bestückt, die Z 6II mit dem NIKKOR Z 50 mm 1:1,2 S. Spiegellose Kameras wie die der Nikon Z-Serie haben aber gerade in der Geburtsfotografie klare Vorteile aus meiner Sicht.

Welche?

Der wichtigste ist die Tatsache, dass man im Silent Modus absolut lautlos fotografieren kann – ich will ja bei der Geburt so wenig wie möglich stören. Mit der Nikon Z 6II arbeite ich darüber hinaus fast immer über den Screen, gerne auch mal über Kopf. Dadurch muss ich meine Position seltener wechseln. Ich habe übrigens bewusst auf die Z 6II gewartet, schon wegen des zweiten Speicherkartenslots. Die zweite Karte dient als Backup. Sicherheit geht vor – eine Geburt lässt sich nunmal nicht wiederholen.

Warum arbeitest du mit Festbrennweiten?

Erstens weil diese eine besonders hohe Bildqualität bieten, und zweitens weil es in diesem Bereich besonders lichtstarke Objektive gibt. Ich bin ein großer Fan der Offenblenden. Beide Objektive ermöglichen scharfe Aufnahmen auch bei sehr wenig Licht und bieten ein tolles Bokeh bei offener Blende. Sobald ein Z-Objektiv mit 35 mm und Blende 1.2 auf den Markt kommt, werde ich mir das zulegen.

Von der Technik zum Look: Wie würdest du deinen beschreiben?

Meine Bilder sind sehr warm, dunkel und kontrastreich, echt, natürlich und nah – passend zum Thema. Ich möchte ja, dass sich die Familien wiederfinden in den Bildern und dass die Hauttöne gut getroffen sind. Bei der Retusche halte ich mich eher zurück, alles soll so lebensnah wie möglich wirken.

Eine Geburt ist ja ein sehr intimes Ereignis. Wie gehst du vor, damit du nicht unbeabsichtigt eine Grenze überschreitest?

Ich gebe meinen Kundinnen vorab einen Fragebogen, und es gibt ein intensives Vorgespräch, bei dem ich immer kläre, welche Momente fotografiert werden sollen. Einige Kundinnen möchten sich eher auf Atmosphäre und die Interaktion mit dem Partner, den Geschwisterkindern und dem Geburtsteam fokussieren. Viele äußern aber explizit den Wunsch, dass ich auch den eigentlichen Augenblick der Geburt festhalte. Mir gefällt dieser ganzheitliche Ansatz.

Inwiefern?

Eine Geburt ist ja ein kraftvolles, extrem emotionales, mutiges und oft auch sehr friedliches Ereignis. Mir geht es darum, diesen Aspekt sichtbar zu machen, schon weil in den Medien oft ein sehr angstbesetztes, hektisches Bild von Geburt vorherrscht. Allmählich findet aber ein Umdenken statt. So gibt es auch in großen Medien erste Bilderstrecken, die die Geburt lebensnäher darstellen, zuletzt beispielsweise in der Süddeutschen Zeitung.

Wie müssen wir uns deine Arbeit konkret vorstellen?

Ich bin sowohl bei Klinikgeburten dabei als auch bei Hausgeburten oder solchen in Geburtshäusern. Ich habe inzwischen weit über 100 Geburten fotografisch begleitet und kann sagen: Jede ist anders, da gibt es kein Schema F. Ich selbst halte mich soweit wie möglich im Hintergrund, reiche aber auch schon mal was zu trinken oder andere Dinge an.

Wie lange bist du vor Ort?

Da kommen schon einige Stunden zusammen.  Ich bin ab dem Zeitpunkt, wo die Familien mich gerne dabei haben möchten, vor Ort und bleibe auch nach der Geburt bis zu zwei Stunden, um Momente wie das Kennenlernen mit den Geschwistern, die Erstuntersuchung und das erste Stillen des Neugeborenen zu dokumentieren. Einmal war ich 42 Stunden vor Ort, ein anderes Mal ging die Geburt so schnell, dass das ganze Geburtsteam erst ein paar Minuten nach der Geburt des Kindes eintraf.

Was begeistert dich an deinem Job?

Es ist einfach ein einmaliges Ereignis, und es gibt keine andere Art der Fotografie, die so ungestellt ist und bei der so viele Emotionen fließen. Ich finde auch, dass eine Frau fast nicht schöner aussehen kann als im Moment, in dem sie ein Baby zur Welt bringt. Für mich ist es eine wahnsinnige Ehre dabei sein zu dürfen, auch wenn es auf der anderen Seite viel Organisation und Einsatzbereitschaft bedarf. Ab Beginn der 38. Schwangerschaftswoche bin ich in ständiger Rufbereitschaft, mein Alltag strukturiert sich um dieses Ereignis und ich muss immer in der Nähe bleiben – und natürlich muss ich öfter nachts raus. Aber es ist eine einzigartige, total schöne Arbeit mit den Familien, für die steht man dann auch gern mitten in der Nacht auf.

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